Gemeinsame MIK-MIL-Fachtagung: Miteinander statt Gegeneinander – Fairplay als Grundlage der Gesellschaft und sicherer Mobilität

Hochschule der Polizei, Oranienburg

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Unter dem Titel „Miteinander statt Gegeneinander – Fairplay als Grundlage der Gesellschaft und sicherer Mobilität“ fand am 1. September 2026 die gemeinsame Fachtagung des Ministeriums des Innern und für Kommunales (MIK) sowie des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung (MIL) des Landes Brandenburg statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Brandenburgischen Netzwerk für Verkehrssicherheit und der Hochschule der Polizei.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Regelakzeptanz, gegenseitige Rücksichtnahme und ein faires Miteinander im Straßenverkehr nachhaltig stärken lassen. Die Referierenden betrachteten diese Frage aus ethisch-normativer, verkehrspolitischer, sportwissenschaftlicher und verkehrspsychologischer Perspektive. Zugleich diskutierten sie, wie unterschiedliche Zielgruppen verständlich, wirksam und lebensweltnah erreicht werden können.

 

Eröffnet wurde die Fachtagung durch Grußworte von Prof. Dr. Heike Wagner (Präsidentin der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg), Dr. Jörg Treffke (Staatssekretär im MIK) und Volker-Gerd Westphal (Staatssekretär im MIL).

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Prof. Dr. Heike Wagner, Präsidentin der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg (© Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg)

Dr. Jörg Treffke, Staatssekretär im MIK (© Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg)

Volker-Gerd Westphal, Staatssekretär im MIL (© Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg)

An die Begrüßung schlossen sich fünf Fachbeiträge an. PD Dr. Tom Poljanšek (Georg-August-Universität Göttingen) betrachtete Regeln und Fairness aus philosophischer Perspektive. Alexander Moser-Haas (Deutscher Verkehrssicherheitsrat, DVR) befasste sich mit verständlicher Rechtsetzung und zielgruppengerechter Kommunikation. Prof. Dr. Christoph Rasche (Universität Potsdam) stellte den Sport als Referenzmodell für Fairplay vor. Dr. Claudia Mollidor (Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen, BASt) erläuterte verkehrspsychologische Befunde, und Jan Friedrich (Landeskampagne „Lieber sicher. Lieber leben.“) stellte die praktische Kampagnenarbeit vor. Den Abschluss bildete eine Podiumsdiskussion unter der Leitfrage „Straßenverkehr als Spiegel der Gesellschaft – wie stärken wir Regelakzeptanz, Fairness und Rücksichtnahme?“. Die Teilnehmenden griffen die zentralen Erkenntnisse der Beiträge auf und leiteten daraus Schlussfolgerungen für ein respektvolles und sicheres Miteinander im Straßenverkehr ab.

„Regeln, Rechtsempfinden und Fairness. Grundzüge einer gelingenden Verkehrsgemeinschaft“ PD Dr. Tom Poljanšek, Georg-August-Universität Göttingen

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Mit seinem Beitrag „Regeln, Rechtsempfinden und Fairness. Grundzüge einer gelingenden Verkehrsgemeinschaft“ eröffnete PD Dr. Tom Poljanšek den fachlichen Teil der Veranstaltung. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Bedeutung Regeln und individuelle Vorstellungen von richtigem Verhalten für das Miteinander im Straßenverkehr haben. Ausgangspunkt war die Unterscheidung zwischen expliziten, impliziten und moralischen Regeln. Neben den in der StVO festgelegten und rechtlich verbindlichen Vorgaben prägen auch gesellschaftliche Erwartungen, Gewohnheiten und moralische Vorstellungen das Verhalten im Straßenverkehr. Für das tatsächliche Verkehrsgeschehen ist daher nicht allein entscheidend, welche Regeln formal gelten, sondern auch, wie diese wahrgenommen, interpretiert und bewertet werden.

Eine besondere Rolle spielt dabei das intuitive Rechtsempfinden. Verkehrsteilnehmende entwickeln eigene Vorstellungen davon, welches Verhalten angemessen oder regelgerecht ist, und reagieren auf vermeintliche Regelverletzungen mitunter unmittelbar mit Empörung. Diese Empörung kann ihrerseits sanktionierendes oder aggressives Verhalten auslösen. In diesem Zusammenhang machte Herr Poljanšek deutlich, dass subjektives Rechtsempfinden und tatsächliche Rechtslage nicht immer übereinstimmen: Ein als falsch oder regelwidrig empfundenes Verhalten muss rechtlich nicht zwangsläufig unzulässig sein.

Poljanšek verwendete dabei einen engeren Fairnessbegriff. Regelkonformes und rücksichtsvolles Verhalten bildet die notwendige Grundlage des Miteinanders. Fairness im engeren Sinne entsteht nach diesem Verständnis dort, wo eine Situation nicht vollständig geregelt ist oder jemand eigene Handlungsspielräume bewusst zugunsten anderer nutzt. Fairness geht damit über das rechtlich Geschuldete hinaus und setzt verbleibende Freiheitsgrade innerhalb des geltenden Rechts voraus.

Aus dieser Begriffsbestimmung ergibt sich für Poljanšek ein Spannungsverhältnis: Regeln sind für Sicherheit und Vorhersehbarkeit unverzichtbar; eine sehr kleinteilige Regulierung kann jedoch die Spielräume verkleinern, in denen freiwillige Rücksichtnahme als Fairness sichtbar wird. Wo solche Spielräume bestehen, können positive Erfahrungen gegenseitiger Rücksichtnahme einen Ausstrahlungseffekt entfalten. Sie tragen dazu bei, den Straßenverkehr weniger als Konkurrenzsituation und stärker als gemeinschaftlichen Handlungsraum wahrzunehmen und können so auch die Akzeptanz verbindlicher Regeln stärken.

„Verkehrsregeln verständlich machen: Warum Verständlichkeit in der Rechtsetzung beginnen und im Feed ankommen muss“ – Alexander Moser-Haas, Deutscher Verkehrssicherheitsrat (DVR)

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Alexander Moser-Haas (Deutscher Verkehrssicherheitsrat) stellte in seinem Fachbeitrag die Verständlichkeit von Verkehrsregeln in den Mittelpunkt.

Am Beispiel des § 9 Abs. 3 StVO verdeutlichte er, dass eine Regelung juristisch eindeutig sein kann, ohne für Verkehrsteilnehmende unmittelbar verständlich und handlungsleitend zu sein: „Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen, Schienenfahrzeuge, Fahrräder mit Hilfsmotor, Fahrräder und Elektrokleinstfahrzeuge auch dann, wenn sie auf oder neben der Fahrbahn in der gleichen Richtung fahren. Dies gilt auch gegenüber Linienomnibussen und sonstigen Fahrzeugen, die gekennzeichnete Sonderfahrstreifen benutzen. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen; wenn nötig, ist zu warten.“ Verkehrsregeln müssen deshalb aus der Perspektive ihrer Adressaten formuliert werden. Entscheidend ist, dass die Verkehrsteilnehmenden in einer konkreten Situation schnell erfassen können, was von ihnen erwartet wird und welchem Schutzzweck die Regel dient.

Verständlichkeit muss daher bereits bei der Rechtsetzung berücksichtigt werden und darf nicht erst nachträglich durch sprachliche Überarbeitungen hergestellt werden. Auch die Länder können hierzu beitragen – etwa über Bund-Länder-Fachausschüsse, Bundesratsverfahren oder Stellungnahmen zu Änderungen der StVO. Bleiben Regelungen schwer verständlich, verlagert sich der notwendige Erklärungsaufwand auf Fahrschulen, Polizei, Kommunen, Präventionsakteure und Kampagnen. Moser-Haas plädierte deshalb nicht für einen pauschalen Abbau von Vorschriften, sondern für einen „Bürokratieumbau“: Regeln sollten so ausgestaltet sein, dass sie weniger Erklärungsaufwand erfordern und zugleich ihre Schutzwirkung wirksam entfalten können.

Moser-Haas machte darüber hinaus deutlich, dass Regelwissen allein nicht genügt. Regelakzeptanz kann gefördert werden, wenn der Sinn und die Schutzwirkung einer Regel nachvollziehbar oder unmittelbar erfahrbar sind. Dabei erfordern unterschiedliche Zielgruppen unterschiedliche Formen der Ansprache – von persönlicher Beratung über Peer-to-peer-Kommunikation bis hin zu massenmedialen und digitalen Kampagnen. Ausgewählte Ansätze bzw. Angebote des DVR wurden hierzu vorgestellt.

Neben individuellem Wissen und individuellen Einstellungen spielen auch soziale Normen und die Verkehrssicherheitskultur eine wichtige Rolle. Wird riskantes oder regelwidriges Verhalten im eigenen Umfeld als üblich wahrgenommen, kann dies entsprechendes Verhalten begünstigen. Die für die Verkehrssicherheitskommunikation verantwortlichen Akteure sollten deshalb nicht nur das individuelle Fehlverhalten thematisieren, sondern auch die sozialen Erwartungen und etablierten Verhaltensnormen in den Blick nehmen.

Als übergreifendes Fazit formulierte Moser-Haas vier Ebenen: Verkehrsregeln müssen verständlich gestaltet, ihr Schutzzweck vermittelt, die Kommunikation zielgruppengerecht ausgerichtet und ihre Einhaltung glaubwürdig durchgesetzt werden. Prävention und Kontrolle stehen dabei nicht im Gegensatz zueinander, sondern ergänzen sich: Eine verständliche und zielgerichtete Kommunikation trägt zur Förderung der Regelakzeptanz bei, während eine glaubwürdige Durchsetzung die Verbindlichkeit der Regeln sichert. Er verwies außerdem auf die Ressourcen, die für eine verlässliche Umsetzung dieser Aufgaben benötigt werden.

„Fairplay im Straßenverkehr – Der Sport als Referenzmodell für praktizierte Verkehrssicherheit“ Prof. Dr. Christoph Rasche, Universität Potsdam

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Prof. Dr. Christoph Rasche ging in seinem Beitrag „Fairplay im Straßenverkehr – Der Sport als Referenzmodell für praktizierte Verkehrssicherheit“ der Frage nach, welche Prinzipien des Fairplays aus dem Sport auf den Straßenverkehr übertragen werden können.

Rasche stellte den Wettkampfsport dem Straßenverkehr als Koordinations- und Kooperationssystem gegenüber. Während im Wettkampf konkurrierende Ziele verfolgt werden, besteht das gemeinsame Ziel im Straßenverkehr darin, sicher anzukommen. Kooperation und gegenseitige Vorhersehbarkeit tragen dabei sowohl zur Sicherheit des Einzelnen als auch zum Funktionieren des Gesamtsystems bei.

Analog zum Sport lässt sich auch im Straßenverkehr zwischen formellen Regeln und Fairplay als Haltung im Umgang miteinander unterscheiden. Die StVO gibt den verbindlichen Handlungsrahmen vor; gegenseitige Rücksichtnahme gehört bereits zu ihren Grundregeln. Darüber hinaus kann Fairplay die freiwillige Nutzung eigener Handlungsspielräume zugunsten anderer beschreiben. Regelverstöße und Fehlentscheidungen im Straßenverkehr können unmittelbar die körperliche Unversehrtheit anderer gefährden; zugleich unterscheiden sich Schutz und Handlungsmöglichkeiten der Beteiligten erheblich. Eine lückenlose Kontrolle des Verhaltens ist nicht möglich.

Rasche verwies zudem auf sozialpsychologische Faktoren, die konfliktträchtiges Verhalten begünstigen können. Dazu zählen die Anonymität hinter der „Blechkarosserie“, unterschiedliche Schutz- und Machtverhältnisse zwischen Verkehrsteilnehmenden sowie sogenannte Attributionsfehler, bei denen eigene Fehler eher mit der spezifischen Situation erklärt, die Fehler anderer dagegen eher persönlichen Eigenschaften zugeschrieben werden. Dem stellte Rasche eine Verkehrskultur gegenüber, die Fehler antizipiert, gegenseitige Rücksichtnahme fördert und die gegenseitige Kompensation von Fehlern unterstützt.

Als zentrale Handlungsprinzipien hob er u. a. Regelkonformität, Kooperation statt Konkurrenz, den Verzicht auf eine aggressive Durchsetzung eigener Rechte sowie vorausschauendes und fehlertolerantes Verhalten hervor. Hinzu kommen die besondere Rücksichtnahme auf vulnerable Verkehrsteilnehmende, eindeutige Kommunikation, emotionale Selbstregulation und eine bewusste Vorbildfunktion.

Rasche ordnete Fairplay damit auch als eine erlernbare Verkehrskompetenz ein. Daraus ergeben sich Ansatzpunkte für die Verkehrserziehung und die Fahrausbildung sowie wie für die Gestaltung von Infrastruktur und Verkehrssicherheitskommunikation.

Perspektivwechsel, Rücksichtnahme und Regelbefolgung: Ansätze für ein sicheres Miteinander Dr. Claudia Mollidor, Referatsleiterin bei der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt)

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Dr. Claudia Mollidor (Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen, BASt) beleuchtete in ihrem Beitrag „Perspektivwechsel, Rücksichtnahme und Regelbefolgung: Ansätze für ein sicheres Miteinander“ das Thema aus verkehrspsychologischer Perspektive und stellte hierzu empirische Befunde aus ausgewählten BASt-Projekten vor. Ausgangspunkt war § 1 der StVO mit dem Gebot ständiger Vorsicht und gegenseitiger Rücksichtnahme. Rücksichtnahme erfordert dabei einen Perspektivwechsel: Bei der Bewertung von Verkehrssituationen gilt es, neben der eigenen auch die Perspektive anderer Verkehrsteilnehmender einzubeziehen und deren Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten sowie mögliche Fehler mitzudenken.

Frau Mollidor wies in diesem Zusammenhang auf die Unterscheidung zwischen Regelkenntnis, Regelakzeptanz und Regelbefolgung hin: Die Kenntnis einer Regel bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auch akzeptiert wird; ebenso führt Akzeptanz nicht automatisch zu regelkonformem Verhalten. Gleichzeitig bilden Regelwissen und Regelakzeptanz wichtige Voraussetzungen für ein rücksichtsvolles Miteinander. Die vorgestellten Befragungsergebnisse verdeutlichen hierbei Wissenslücken bei bestimmten Verkehrsregeln.

Darüber hinaus präsentierte Dr. Mollidor Befunde der BASt-Studie „Erfassung des Verkehrsklimas 2024“. Die Studie erfasst die subjektive Wahrnehmung und Bewertung des Miteinanders im Straßenverkehr in Deutschland. Der Verkehrsklima-Index hat sich gegenüber den vorherigen Messungen leicht verschlechtert; insbesondere zu Fuß Gehende bewerten das Verkehrsklima negativer als andere Gruppen. Wie sich Perspektivübernahme praktisch fördern lässt, veranschaulichte Dr. Mollidor am Beispiel eines Umkehrperiskops, das Erwachsene auf die Augenhöhe eines etwa 90 bis 110 Zentimeter großen Kindes versetzt. Eingeschränkte Sichtbeziehungen und unterschiedliche Wahrnehmungsbedingungen werden dadurch im Rahmen eines Perspektivwechsels unmittelbar erfahrbar.

Für die Verkehrssicherheitsarbeit folgt daraus, Verhalten nicht vorschnell allein aus der eigenen Perspektive zu beurteilen. Regelverstöße können neben bewusster Missachtung auch auf fehlendes Wissen, unterschiedliche Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten oder situative Bedingungen zurückzuführen sein. Rücksichtnahme und Perspektivübernahme sollten durch Aufklärung, Kommunikation und Bildungsangebote gefördert werden. Zudem kann auch die Gestaltung der Verkehrsinfrastruktur dazu beitragen, unterschiedliche Fähigkeiten und Wahrnehmungsbedingungen zu berücksichtigen, ein sicheres und regelkonformes Verhalten zu erleichtern und die Folgen möglicher Fehler zu reduzieren.

"Fairness sichtbar machen: Zielgruppenansprache und Kampagnenarbeit für mehr Rücksicht im Straßenverkehr" Jan Friedrich, Kampagne „Lieber sicher. Lieber leben.“ des MIL

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Jan Friedrich berichtete am Beispiel der Landeskampagne „Lieber sicher. Lieber leben.“ aus der Öffentlichkeitsarbeit zur Verkehrssicherheit. Im Mittelpunkt standen unterschiedliche Formate und Wege der Zielgruppenansprache. Neben klassischen Maßnahmen wie Bannern, dem ZeBra-Theater und Videos werden zunehmend digitale Kanäle genutzt. Exemplarisch wurden kurze audiovisuelle Beiträge für soziale Medien, darunter YouTube Shorts, gezeigt.

Jan Friedrich unterstrich auf der Grundlage der Kampagnenerfahrungen den Wert einer positiven, lebensweltbezogenen und niedrigschwelligen Ansprache. Ein sicheres Verhalten wird nicht nur über Verbote, Risiken oder mögliche Unfallfolgen vermittelt, sondern sollte als konkrete und attraktive Handlungsalternative dargestellt werden. Kurze Botschaften wie „Lieber Rücksicht. Lieber leben.“, „Lieber Vorsicht. Lieber leben.“, „Lieber langsam“, „Lieber halten“ und „Lieber gechillt“ rücken deshalb das erwünschte Verhalten in den Vordergrund. Damit solche Botschaften wirken, müssen Inhalt, Sprache und Verbreitungsweg zum Alltag, zu den Kommunikationsgewohnheiten und zur Mediennutzung der jeweiligen Zielgruppen passen.

Verkehrssicherheitsarbeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Neben professionellen Präventionsakteuren tragen auch Eltern, Bezugspersonen, Bildungseinrichtungen, Vereine, Kommunen und weitere gesellschaftliche Akteure Verantwortung. Sie können Kinder frühzeitig für ein sicheres Verhalten sensibilisieren, Orientierung geben und als Vorbilder wirken. Nach Einschätzung Friedrichs werden diese Möglichkeiten bislang nicht überall konsequent genutzt.

Podiumsdiskussion

In der Podiumsdiskussion stand die Frage im Mittelpunkt, wie Regelakzeptanz, Fairness und Rücksichtnahme im Straßenverkehr nachhaltig gestärkt werden können. Ausgangspunkt waren der zunehmend rau wahrgenommene Umgangston und die häufig fehlende Bereitschaft, die Perspektive anderer Verkehrsteilnehmender einzunehmen. Die Beteiligten betonten daher, verständliche Aufklärung mit lebensnahen Präventionsangeboten zu verbinden. Verkehrssicherheitsarbeit sollte frühzeitig einsetzen, unterschiedliche Lebensphasen berücksichtigen und die jeweiligen Zielgruppen über geeignete Zugangswege erreichen. Zugleich braucht es verständliche und nachvollziehbare Rahmenbedingungen in Infrastruktur und Regulierung, die regelkonformes und rücksichtsvolles Verhalten ermöglichen.

Mit Blick auf die Verkehrsunfallprävention verwiesen die Beteiligten auf die Vielzahl bereits vorhandener Ansätze und Maßnahmen. Die zentrale Herausforderung bestehe weniger in fehlenden Angeboten als in ihrer Bekanntheit, Verbreitung und Nutzbarkeit.  Ziel sollte es sein, bewährte und wirksame Angebote zu nutzen, weiterzuentwickeln sowie deren Einsatzmöglichkeit und Verbreitung dauerhaft zu sichern. Maßnahmen mit begrenzter oder nicht belegter Wirkung sind zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen oder einzustellen. Belastbare Beispiele guter Praxis können Orientierung bieten, wenn ihre Wirksamkeit, ihr Nutzen und ihre Übertragbarkeit auf den jeweiligen Kontext nachvollziehbar sind. Dies sollte durch zielgerichtete Rahmenbedingungen flankiert werden: Kooperation und Vernetzung der Akteure sollten konsequent gefordert und gefördert werden. Die derzeitige bundesweite Praxis der Förderung in Bereichen wie der Forschung oder der Verkehrssicherheitsarbeit begünstigt die vertiefende Zusammenarbeit nicht in letzter Konsequenz (Z. B. Konkurrenz um dieselben Fördermittel). Als Lösungsansätze wurden deshalb eine abgestimmte Aufgabenverteilung, ein kontinuierlicher Wissenstransfer und gemeinsam nutzbare Materialien diskutiert. Auf diese Weise können professionelle und ehrenamtliche Akteure vorhandene Erfahrungen leichter aufgreifen und geeignete Ansätze adaptieren.

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Übergreifende Erkenntnisse und Schlussfolgerungen

Die Beiträge der Fachtagung zeigten, dass Verkehrsregeln, ihre Vermittlung und die Bedingungen ihrer Anwendung zusammen betrachtet werden müssen. Wer eine Regel kennt, muss sie noch nicht akzeptieren oder im Verkehr entsprechend handeln. Gegenseitige Rücksichtnahme ist bereits eine verbindliche Grundregel. Fairplay zeigt sich darüber hinaus darin, die Spielräume innerhalb der Regeln so zu nutzen, dass auch andere sicher und gut vorankommen.

Aus den unterschiedlichen fachlichen Perspektiven ergeben sich folgende Ansatzpunkte für die Verkehrssicherheitsarbeit:

  • Verständliche Regeln erleichtern die Orientierung. Die Perspektive der Adressatinnen und Adressaten sollte bereits bei der Rechtsetzung berücksichtigt werden. In Alltagssituationen muss erkennbar sein, welches Verhalten erwartet wird.
  • Der Schutzzweck einer Regel sollte nachvollziehbar vermittelt werden und vermittelbar sein. Lebensnahe Beispiele und geeignete praktische Erfahrungen können helfen, die Bedeutung einer Regel für die eigene Sicherheit und die Sicherheit anderer zu verstehen.
  • Unterschiedliche Ursachen erfordern unterschiedliche Ansätze. Wissenslücken, mangelnde Akzeptanz und bewusste Regelverstöße sollten bei der Auswahl von Bildungsangeboten, Kommunikation und Überwachung differenziert betrachtet werden.
  • Perspektivübernahme ist ein Ansatzpunkt für die Bildungsarbeit. Die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten anderer, insbesondere von Kindern sowie älteren und ungeschützten Verkehrsteilnehmenden, sollten anschaulich vermittelt und auch in der Verkehrsplanung berücksichtigt werden.
  • Die Ansprache muss zur Zielgruppe passen. Persönliche Beratung, Peer-Ansätze und digitale Kampagnen eröffnen unterschiedliche Zugänge. Inhalt, Sprache und Verbreitungsweg sollten sich am Alltag der jeweiligen Zielgruppe orientieren.
  • Ein sicheres Verkehrssystem berücksichtigt menschliche Fehler. Infrastruktur und Verkehrsorganisation sollen ein sicheres Verhalten erleichtern und die Folgen möglicher Fehler begrenzen. Appelle an individuelles Verhalten sind deshalb mit der Gestaltung geeigneter Rahmenbedingungen zu verbinden.

Für die weitere Arbeit bietet es sich an, die Impulse der Fachtagung im bestehenden fachlichen Austausch aufzugreifen und gemeinsam zu konkretisieren. Vorhandene Erfahrungen und Materialien bilden dafür eine Grundlage. Ihre Eignung für unterschiedliche Zielgruppen sollte geprüft und die Rückmeldung aus der Praxis genutzt werden. Damit Erkenntnisse im Alltag aufgegriffen werden können, braucht es neben zugänglichen Materialien auch Gelegenheiten zur fachlichen Rückfrage und zum Erfahrungsaustausch. So lassen sich geeignete Ansätze weiterentwickeln und für die Praxis vor Ort nutzbar machen.

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